Die Falkensteiner Beweinung


Die Falkensteiner Beweinung, Karfreitagsbild, um 1520, Bildhauer ist unbekannt, wahrscheinlich Conrad Rötin
Kammerkonzert vor dem spätgotischen Flügelaltar. 1981

Die Falkensteiner Kapelle zählt zu den ältesten Kapellen im Kreis Rottweil. Sie ist die Urkirche Schrambergs und gehört zu den ehrwürdigsten Kunststätten in dieser Stadt.


Der Kapelle kommt internationalen Rang zu, da sie im Innern die Falkensteiner Beweinung beherbergt. Bei dieser aus Lindenholz geschnitzten Darstellung handelt es sich um ein bedeutendes Kunstdenkmal im spätgotischen Übergangsstil zur Renaissance, um 1520. Das Werk ist nicht datiert und signiert worden, das entsprach der gotischen Tradition. In der ausgehenden Gotik bevorzugte man den Flügelaltar als Mittel der Darstellung. Zum Verständnis sei angemerkt, dass bei diesem Altar nur ein Mittelteil vorhanden ist und die Seitenteile aus Zierwerk bestehen und nicht aus weiteren Flügeln mit Figuren und Malereien. Von einem Wandelaltar kann nicht gesprochen werden, da er nur einseitig ist. Gespränge und die seitlichen Filigranflügel wurden im 19. Jhrd. hinzugefügt.


Die empfundene Plastizität im Mittelschrein lässt oberrheinische Einflüsse sowie Einflüsse aus der Reichenauer Schule erkennen. Das standortsgebundene, unbewegliche Retabel ist mit den zeitgleichen Namen von Veit Stoß (~ 1445 – 1533 [dramatischer als T. R.]) und Tilmann Riemenschneider (~ 1460 – 1531, äußerst differenzierter Knitterstil) und Peter Vischer (~ 1460 – 1529, Übergangsstil) zu nennen. In seiner Übersichtlichkeit und Vermenschlichung des Themas wendet sich dieser Altar noch mehr der Epoche der Neuzeit zu. Der Künstler, nach Heinrich Adrion soll er Konrad Rötin heißen, veranschaulichte mit dieser Gruppendarstellung “Christus, Johannes, Maria, Maria-Magdalena und Kleophae” nicht nur die Station zwischen Kreuzabnahme und Grablegung, sondern auch das von der Dämonenfurcht befreite Mittelalter. Es ist dieses die Zunahme des Menschlichen durch das körperliche Erfassen des Geschehens und damit auch des Räumlichen.


Durch die menschliche Nähe der Wirklichkeitsauffassung, durch die Tiefenandeutungen und durch die Bewegungsabläufe ist eine leidenschaftliche Darstellung zum Thema ”Zuwendung und Trauer” geschaffen worden. Allerdings muss sie durch die Phantasie ergänzt und empfunden werden können. Das Geschehen wird hier nicht mit der alles beherrschenden Distanz interpretiert, sondern mit der Anteilnahme an dem Geschehen. Die einzelnen Figuren sind von höchster psychologischer Individualität. Die Bedeutung der Beweinung liegt in der Umsetzung des Themas. Es werden Personen gezeigt, deren Handlung zum beseelten Ausdruck geworden ist. Die Darstellung zeigt nicht mehr eine vom jenseitigen, mystisch durchdrungenen Gottesvorstellung, sowie es in der frühen und der hohen Gotik noch der Fall war, sondern das Leid. Von einer symbolischen Handlung kann hier auch nicht mehr die Rede sein. Durch die übersichtliche Ordnung der Reihung und der räumlichen Stellung des Hintereinanders wie auch in der vollplastischen Einzeldarstellung der Figuren nach rechts hin, kündigt sich die Epoche der Neuzeit mit dem Renaissancestil an. Die zunehmende Einzelstellung der fünf Figuren lässt schon den anderen Menschen, die neue Persönlichkeit ahnen. Auch schaut Maria Magdalena nicht in sich hinein, sondern über die Hand hinweg in den Umraum, in den Betrachterraum. So lässt sich auch dieser Altar vom Typischen zum Individuellen erschließen. Jede Figur trägt mit einer Handlung zum Geschehen bei. Die immerwährende Auffassung der Gotik von Typik und später der typenähnlichen Darstellungen diente der allgemeinen Verständigung. Die Menschen, die des Lesens und Schreiben unkundig waren, erfuhren über den Inhalt das Gedankengut. Das Dargestellte diente der Kommunikation, der Sprache und sie war allgemein und kosmologisch in alle Richtungen verständlich. Dazu war eben die symbolische, zeichenhafte Sprache als Mittel der Kommunikation erforderlich, von der hier aber schon abgewichen wird. Die Verbindlichkeit von Vorbildern wird zugunsten der sich immer wieder erneuernden inneren Bewegtheit aufgegeben. Das macht die hohe Qualität dieser Beweinung aus.


So ist der Altar kein komplizierter gotischer unübersichtlicher Bildzyklus mehr, in dem oft auf kleinstem Raum ein komplettes Kathedralprogramm zusammengefaßt dargestellt wurde. Hier wird nur eine Szene erfaßt. Er ist auch nicht mehr ein Altar, der auf Nahsicht berechnet und zur persönlichen Andacht einlädt. Viel zu übersichtlich sind die Figuren in der nischenförmigen Schreindarstellung angeordnet und eingebracht worden. Der Altar ist ohne die Wirkung eines christlichen Theatrums. Die spätgotische Verfeinerung, auch Zierphase genannt, ist für den Wandel in Richtung des menschlichen Ausdrucks hier verantwortlich und damit stehen wir in der Renaissance. Sie stellt den Menschen mit seinen psychischen Zuständen mehr in den Mittelpunkt.


In dieser süddeutschen Variante zeigt Maria-Magdalena mit menschlicher Zuwendung wie man auch mit der menschlichen Leidenschaft großzügiger umgehen kann.


So wird die Komposition für einen Moment auf diesen ikonografischen Wert hin konzentriert. Die Wiederbelebung der Darstellung des Zeitlichen, der Augenblick wird von nun an die Starre des undurchdringlich Ewigen vernachlässigen.

In der Apostelgeschichte heißt es:
”Geben ist seliger als nehmen”.
Unter ihnen war Maria Magdalena,
Maria,
Maria Kleophae, die Mutter des Jakobus
und sie bereiteten das Begräbnis vor.

Werner Siepmann (Kunsthistoriker)

Daten

Name: Unbekannt | Konrad Rötin (Adrion, Stuttgart)
Jahr: Undatiert ~ 1520
Technik: Bildhauerarbeit
Material: Lindenholz
Titel: „Die Falkensteiner Beweinung“
Maße: Höhe 4.00 x Breite 2,70 x Tiefe 0,38

Bestandsaufnahme

Benennung des Schreins von unten nach oben
Altarstufen
Antependium
Mensa
Predella
Der Schrein, das Retabel
Die Flügel, nur optische Andeutung durch das Zierwerk
Das Gespränge
das Zierwerk

Benennung des Figurenprogramms
Fünf Figuren
drei Raumschichten
und der tote Christus im Vordergrund


Der Schrein
Von links nach rechts:
Johannes, der Lieblingsjünger
Maria
Maria-Magdalena
Maria-Kleophae (die Mutter von Jacobus)

Im Gespränge:
Antonius von Padua
Hl. Erasmus
Sankt Franziskus

Inhalt
Karfreitagsbild, eine Station zwischen Kreuzigung und der Grablegung

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